Kommt Mindestlohn von 12 Euro? Tausende Menschen könnten in Anhalt-Bitterfeld profitieren


Hier demonstrieren Gewerkschaftsmitglieder im April in Weißenfels. (Foto: Peter Endig/dpa)

Hier demonstrieren Gewerkschaftsmitglieder im April in Weißenfels. (Foto: Peter Endig/dpa)


Der Mindestlohn stieg zuletzt auf 9,82 Euro und soll im Juli wieder auf 10,45 Euro steigen. Davon können rund 3.000 Mitarbeiter in Anhalt-Bitterfeld profitieren

Im Laufe der Jahre stieg der Mindestlohn in Deutschland wieder an. Ab dem 01.01.2022 darf der Stundenlohn der Arbeitnehmer nicht weniger als 9,82 Euro betragen. Und am 1. Juli wird der gesetzliche Mindestlohn wieder auf 10,45 Euro angehoben. Dies entspricht einer Steigerung von knapp 9 % gegenüber den bisher geltenden 9,60 Euro.

Nach Berechnungen des Hannoveraner Pestel-Instituts im Auftrag der Gewerkschaft Essen-Genuss-Gaststätten (NGG) gibt es im Kreis Anhalt-Bitterfeld rund 3.080 Beschäftigte, die den Mindestlohn beziehen und somit von der aktuellen Erhöhung profitieren. Wenn Sozialdemokraten, Grüne und Liberaldemokraten jedoch das Kernprojekt des Bündnisvertrags umsetzen: die Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro pro Stunde, könnte die Zahl der Mehrbezieher noch einmal deutlich steigen. Dann könnten nach Berechnungen der Mitarbeiter des Pestel-Instituts die rund 13.860 Menschen in Anhalt-Bitterfeld mehr Geld verdienen – das entspricht 21 % aller Beschäftigten in der Region.

Löhnen „die zum Leben nicht reichen“

„Dadurch wird das Einkommen vieler Mitarbeiter in der Region – insbesondere in Hotels, Restaurants, Bäckereien und Metzgereien – deutlich gesteigert“, sagt Jörg Most, Geschäftsführer der NGG in der Region Leipzig-Halle-Dessau. Bisher arbeiteten Arbeitnehmer oft für Löhne, die "nicht zum Überleben reichten". Das liege auch daran, dass "das Unternehmen den ausgehandelten Tarifvertrag untergräbt", betonten die Gewerkschafter.

Allerdings sieht das nicht jeder so. „Ich denke, wir haben mit der NGG einen sehr loyalen Tarifvertrag ausgehandelt, der auch wirksam ist“, sagte Michael Schmidt, Präsident des Landesverbandes Sachsen-Anhalt des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). In vielen Fällen haben seine Filialen den angestrebten Mindestlohn von 12 Euro gezahlt. Vor allem junge Berufstätige werden ihr Einkommen geringer ausfallen. Schmidt sagte das, obwohl er den 12-Euro-Mindestlohn grundsätzlich nicht ablehnte.

 Ampel-Koalition habe „die Mindestlohn-Kommission komplett übergangen“

Jedoch stelle er in Frage, „ob die Gesellschaft dann diese Preise in der Gastronomie akzeptiert“. Denn letztlich müsse man den Menschen „begreiflich machen, dass die Gesellschaft diesen Lohn bezahlen muss“. Von der Politik fühle er sich in dieser Frage „überholt“, sagt Michael Schmidt. Die Ampel-Koalition habe „die Mindestlohn-Kommission komplett übergangen“.

Unter Gewerbetreibenden im Landkreis möchte sich auf MZ-Anfrage kaum jemand zur Erhöhung des Mindestlohns äußern. Auch Manfred Stelmecke, Vorstand des Landesinnungsverbands des Bäckerhandwerks Sachsen-Anhalt, lässt eine entsprechende Anfrage unbeantwortet. Auskunft erteilt dagegen Kerstin Nickel vom Paschlewwer Freizeit- & Ferienhof.

„Zum Schluss zahlt es immer der Endverbraucher“

Ihre Ansichten ähneln denen Schmidts vom Regionalverband Dehoga: "Letztlich zahlt der Endverbraucher. Das wird sich auch auf den Hauspreis auswirken", sagte Nickel. Neben der Erhöhung des Mindestlohns wirken sich derzeit auch die Verteuerungen für Lebensmittel, Strom und Erdgas auf die Preise aus. "Letztendlich müssen wir Kunden haben, die bereit sind, diese Preise zu zahlen", sagte der Restaurantbesitzer. Im Grunde versteht sie jedoch, dass es in ihrer Branche "keine riesigen Löhne" gibt. Darüber hinaus variieren die Löhne auch von Region zu Region.

Ökonomen des Pestel-Instituts beziehen auch regionale Lohnniveaus in ihre Berechnungen mit ein. Hauptanliegen seien Daten zur Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auf regionaler Ebene und die Gehaltsskala, die das Lohnniveau der Region abbilde, erklärte Vorstandsvorsitzender Matthias Günther. Der Ökonom betonte: „Ich werde nie behaupten, die genaue Zahl der Empfänger des Mindestlohns auf regionaler Ebene zu haben.“ Zumindest in der Größenordnung müssten die Ergebnisse „sehr konsistent“ sein.



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