"Ich halte es für sehr problematisch, eine Durchimpfung zuzulassen"


Wie gut sollten und müssten wir die Kinder vor Covid schützen? Diese Frage stellen sich gerade sehr viele Erwachsene. (Bild: Tang Ming Tung/​Getty Images)

Wie gut sollten und müssten wir die Kinder vor Covid schützen? Diese Frage stellen sich gerade sehr viele Erwachsene. (Bild: Tang Ming Tung/​Getty Images)


Wie begründet ist die Sorge, dass Kindern und Jugendlichen durch eine Covid-Infektion Langzeitfolgen drohen, die erst Jahre später auftreten? Ein Kinderarzt im Gespräch

Die Sieben-Tage-Inzidenz von Kindern und Jugendlichen im Land war noch nie so hoch. Von allen Kindern zwischen 12 und 17 Jahren ist nur etwa die Hälfte gegen Covid-19 geimpft. Obwohl die Ständige Impfkommission noch keine allgemeinen Empfehlungen für alle Kinder zwischen 5 und 11 Jahren ausgesprochen hat, wird sie erst in den nächsten Tagen mit der Impfung jüngerer Kinder beginnen. Diese Situation beunruhigt viele Eltern – auch weil die Langzeitfolgen der Coronavirus-Infektion unklar sind. Sind Bedenken hinsichtlich des Langzeitschadens von Covid berechtigt? Stellen Sie dem Kinderarzt Sebastian Hoehl eine Frage.
In den letzten Monaten haben einige Ärzte und Virologen immer wieder darauf hingewiesen, dass man am besten keine Ansteckung bei Kindern riskieren sollte, weil man nicht weiß, ob das Coronavirus Kinder langfristig irgendwie betrifft. Wovor hast du Angst?

Sebastian Hoehl: Zwei Dinge sind zu unterscheiden: Wir sehen heute, dass manche Menschen nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus verschiedene gesundheitliche Langzeitschäden erleiden. Diese haben wir langfristig unter dem Begriff Covid zusammengefasst. Glücklicherweise sind Kinder möglicherweise weniger betroffen als Erwachsene – die bisherigen Daten zeigen. Im Allgemeinen gibt es jedoch noch viele Unklarheiten, die noch untersucht werden müssen. Eine andere Sache könnten die langfristigen Auswirkungen sein, die erst Monate oder Jahre nach der Infektion auftreten. Dass Covid-19 diese Folgen haben könnte, ist bisher reine Spekulation, da wir keine Langzeiterfahrungen mit der neuen Coronavirus-Variante haben. Allerdings gibt es in der Virologie durchaus Beispiele für dieses Phänomen. Beispielsweise kann das Masernvirus mehrere Jahre nach der Ansteckung eine Enzephalitis verursachen. Andere Viren können Krebs verursachen, wie zum Beispiel das humane Papillomavirus (HPV). Es gibt jedoch ganz entscheidende Unterschiede zwischen diesen bekannten Erregern und dem neuen Coronavirus.

Was ist der Unterschied?

Hoehl:  Der Unterschied zwischen Virusfamilien ist ihre Struktur, die Art und Weise, wie sie sich im Körper ausbreiten und die molekularen Werkzeuge, die sie verwenden. Schauen wir uns zuerst das Masernvirus an. Dies betrifft wie Sars-CoV-2 zunächst die Atemwege. Aber von diesem Moment an sind die Verläufe von Masern und Sars-CoV-2 grundlegend anders. Obwohl sich Masern in den meisten Körperteilen schnell vermehren, ist Covid-19 bei den meisten Kindern immer noch eine reine Atemwegsinfektion, da ihr Immunsystem das Coronavirus frühzeitig effektiv eliminieren kann.

Das heißt: Wird sich das Coronavirus nicht bei Kindern ausbreiten?

Hoehl: In seltenen Fällen ist das möglich, in schweren Fällen lässt sich das Virus auch im Blut nachweisen. Aber sie sind die Ausnahme für Kinder. Bei Masern hingegen breitet es sich meist im Körper aus. Denn das Masernvirus greift bestimmte im Gefäßsystem verteilte Immunzellen an. Daher kann eine Maserninfektion direkt im Blut nachgewiesen werden. Etwa 1 von 1.000 Fällen ist im Gehirn entzündet. Dies ist ein wichtiger Unterschied zum Coronavirus, bei dem diese Art der Gehirnentzündung bei Kindern kaum beobachtet wird.

In seltenen Fällen können diese Gehirninfektionen nach Jahren einer Maserninfektion plötzlich auftreten. Sars-CoV-2 ist neu, weil wir über diese Langzeitfolge nichts wissen.

Hoehl: Genau. Diese Gehirnentzündung, die erst nach vielen Jahren auftritt, wird nicht nur durch den Immunprozess verursacht, sondern hängt auch mit dem Masernvirus selbst zusammen. Bei Masern baut das Virus nach der Ansteckung Nester im Gehirn, was zu einer sogar akuten Kriechinfektion führt. Es kann nach vielen Jahren ausbrechen.

Wird das Coronavirus ignoriert?

Hoehl: Zumindest können wir das nicht ausschließen, aber dafür gibt es derzeit keine Hinweise.

Pathologen in Hamburg haben Obduktionen an den Gehirnen von Menschen durchgeführt, die zuvor an Covid-19 erkrankt waren und gestorben sind. Sie können den Erreger Sars-CoV-2 in etwa jeder Sekunde nachweisen.

Hoehl: Genau. Die Menschen, die in Hamburg auf ihr Gehirn getestet wurden, waren jedoch sehr krank. Sie starben schließlich an Covid-19. Unter diesen Toten fanden einige Menschen eine zerebrovaskuläre Blockade, die den Schlaganfall verursachte. In anderen Fällen fanden Pathologen Viruspartikel und entzündetes Nervengewebe. Normalerweise sehen wir keine Kinder mit solch schwerwiegenden neurologischen Problemen. Der Krankheitsverlauf ist meist mild. Glücklicherweise haben wir bisher keine Beweise dafür, dass das Virus bei Kindern mit leicht infizierter laufender Nase unentdeckt in das Gehirn eindringen kann.

"Es gibt Dinge, die mir als Vater und Kindermediziner Sorgen bereiten"

Sie haben bereits eine weitere Langzeitfolge einer Virusinfektion erwähnt. Sie können die Entstehung von Krebs begünstigen. Humane Papillomaviren (HPV) beispielsweise erhöhen das Risiko für Gebärmutterhalskrebs und Hepatitis B. Kann man sich vorstellen, dass das Coronavirus so etwas verursacht?

Hoehl: Diese beiden Erreger sind längst an den Menschen angepasst – im Gegensatz zu Sars-CoV-2. In einigen Fällen können sie asymptomatische Infektionen verursachen – die Infektion kann in bestimmten Körperteilen verbleiben, ohne akute Beschwerden zu verursachen. Da sie über spezielle Werkzeuge verfügen, können sie sich an diesen Stellen meist über einen längeren Zeitraum dem Immunsystem entziehen. Glücklicherweise verfügt das Coronavirus nicht über solche Werkzeuge. Daher gibt es derzeit keine Hinweise darauf, dass sich das Coronavirus ähnlich verhalten wird, und die Menschen müssen nun befürchten, dass Menschen aufgrund einer Covid-19-Erkrankung in Zukunft an Krebs erkranken könnten.

Diese potenziell krebserregenden Viren schlummern in bestimmten Teilen unseres Körpers und wir haben nichts bemerkt?

Hoehl: Das kann man sagen. Das kann übrigens auch das Herpesvirus. Wenn Sie Windpocken haben, kehrt das Herpesvirus lebenslang in die kleinen Nervenknötchen zurück und wird nicht bemerkt. Wenn die Person später gestresst wird oder das Immunsystem mit dem Alter schwächer wird, kann die Infektion erneut ausbrechen. Und weil es normalerweise einen charakteristischen Ausschlag am Stamm bildet, sagen manche Leute Gürtelrose.

Ist so etwas für das Coronavirus unvorstellbar?

Hoehl: Es gibt sogenannte privilegierte Stellen im Körper, die als Verstecke für solche Viren dienen. Dies sind Orte, die unser Immunsystem nicht erreichen kann – wie das Nervensystem oder die Augen. Theoretisch kann das Coronavirus dort länger bleiben. Aber wie gesagt, sie haben weder die Werkzeuge, um diese Operation regelmäßig durchzuführen, noch siedeln sie sich dort an, wie wir es von anderen Viren kennen.

Heißt das alles also, dass das Coronavirus keine Langzeitfolgen haben soll, die wir heute nicht kennen?

Hoehl: Es gibt große Unterschiede zwischen den Masern- und HPV-Erregern, über die wir gerade gesprochen haben. Bisher haben wir glücklicherweise keine Anzeichen dafür gezeigt, dass ein ähnliches Phänomen der latenten Infektion eine echte Gefahr für das aktuelle Coronavirus darstellt. Wenn sie länger bleiben können (zum Beispiel im Darm), gilt dies ebenfalls. Es gehört jedoch dazu, dass wir noch sehr wenig wissen.

Sie sind Kinderarzt und haben selbst Kinder. Wie gehst du mit diesen Unsicherheiten um, zum Beispiel wenn du mit deinen Eltern sprichst? Wie erklären Sie die möglichen Risiken, ohne unnötige Angst zu erzeugen?

Hoehl: Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Als Vater und Kinderarzt muss mich etwas beunruhigen. Zum Beispiel das postinflammatorische Syndrom PIMS, bei dem verschiedene Organe nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 stark entzündlich werden. Glücklicherweise sind diese schwierigen Kurse trotz des Deltas äußerst selten. Dann gibt es Long Covid, obwohl die Datenlage zu Kindern in diesem Bereich noch sehr uneinheitlich ist. Aber nichts davon sollte unterschätzt werden. Aber gleichzeitig: Nach heutigem Wissensstand – sowohl was die kurz- als auch die langfristigen Folgen angeht – überstehen Kinder diese Infektion zum Glück in der Regel relativ gut.



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