Der nächste Stromversorger geht pleite – Verband fordert politischen Eingriff


Tausende Kunden sind vom Lieferstoff des Stromanbieters betroffen (Bild: Getty Images)

Tausende Kunden sind vom Lieferstoff des Stromanbieters betroffen (Bild: Getty Images)


In Deutschland stoppen immer mehr Stromanbieter die Belieferung ihrer Kunden.

Seit vergangenem Mittwoch liefert das Unternehmen keinen Strom an Kunden des Stromdiscounters Stromio. Wie die Stromio GmbH auf ihrer Homepage mitteilte, endeten alle Stromlieferverträge für die Marken „Stromio“ und „Grünwelt Energie“ am 21. Dezember.

Als Begründung nennt der Stromanbieter „die einmalige Preisentwicklung in der Geschichte des Strommarktes“. In dem Schreiben hieß es, dass der European Energy Trading Center seit mehreren Wochen mit beispiellosen Preisspitzen konfrontiert sei. Diese Ereignisse und ihre Folgen sind nicht absehbar. Das Unternehmen aus der Stadt Kaarst am Rhein teilte der dpa schriftlich mit, dass es nicht insolvent sei. Branchenexperten gehen davon aus, dass Hunderttausende Kunden von der Kündigung von Stromio betroffen sein werden.

Verbraucher müssen sich keine Sorgen um Stromausfälle machen. In diesem Fall, wie von der Verbraucherzentrale betont, wird die Versorgung nicht unterbrochen. Der örtliche Grundversorger übernahm zunächst die Stromversorgung als sogenannte Alternativversorgung. Der Basisanbieter ist immer das Unternehmen, das in einem bestimmten Netzgebiet den Großteil der Kunden mit seinen Diensten versorgt. Dies sind meist Stadtwerke. Das Vergleichsportal Check24 und Verivox haben Seiten im Internet eingerichtet, um Stromio-Kunden Informationen zur Verfügung zu stellen.

Stromio kündigte an, Kundenbeziehungen "sachgerecht" pflegen zu wollen. „Daher werden wir im Rahmen der Endabrechnung Ihnen zustehende Guthaben sowie auch (zeitanteilig) Neukundenboni an Sie auszahlen“, hieß es. Die Schlussrechnung sollte innerhalb von sechs Wochen eingehen. Das Unternehmen verlangt von den Kunden, den Zählerstand sofort aufzuschreiben und den Netzbetreiber zu benachrichtigen.

Anfang Dezember hat die Schwestergesellschaft von Stromio, die Erdgas unter den Marken gas.de und Grünwelt vertreibt, die Belieferung von Haushaltskunden mit Erdgas eingestellt. Das Unternehmen nannte auch den Grund für die "beispiellose Preisexplosion an der European Energy Exchange".

Die vier für die Netzstabilität zuständigen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) haben ihre Verträge mit Stromio zuvor kurzfristig gekündigt. Liefert beispielsweise der Stromanbieter den bereitzustellenden Strom nicht mehr, wird er dies tun. Der Grund kann sein, dass beispielsweise der aktuelle Großhandelspreis höher ist, wenn der Lieferant keinen langfristigen Stromliefervertrag abgeschlossen hat.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur meldeten in diesem Jahr 38 Energieversorger (ohne Stromio) die Beendigung der Belieferung angezeigt. Zwölf dieser Unternehmen haben die Lieferungen eingestellt, darunter Neckermann Strom, das kürzlich behauptete, Insolvenz angemeldet zu haben. Im Übrigen soll die Auslieferung am 31. Dezember 2021 enden. Von diesen 38 Unternehmen liefern 6 Strom und Erdgas, 28 nur Strom und 4 nur Gas. In den fünf Jahren zuvor haben insgesamt 97 Energielieferanten bei der Bundesnetzagentur die Beendigung der Belieferung angezeigt, die meisten (74) im Jahr 2017. 2020, 2019 und 2018 waren es jeweils fünf. Umgekehrt haben der Behörde seit 2016 insgesamt 471 Energielieferanten die Aufnahme von Lieferungen angezeigt.

Verband fordert Eingreifen der Politik

Im Kontext der kurzfristigen Einstellung der Strom- und Erdgasversorgung durch die Energiediscounter fordert die reife Energiewirtschaft von der Politik mehr Sicherheitsgarantien für die Grundversorgung. Diese Unternehmen, hauptsächlich Stadtwerke, müssen Kunden übernehmen, die der ursprüngliche Lieferant nicht mehr beliefert. Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), sagte am Donnerstag: "Aufgrund der explosionsartig steigenden Energiebezugspreise steht unser Unternehmen vor erheblichen Herausforderungen." Substitution genannt Für Neukunden in der Versorgung wird das Unternehmen zu den derzeit extrem hohen Preisen zusätzliche Energie zukaufen müssen.

In diesem Fall verlangt der BDEW vom Bund, vorübergehend auf das zinslose Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau zurückzugreifen. Auch für die legale und sichere Einführung neuer Kundentarife in der Grundversorgung bestehe dringender Rechtsschutzbedarf, sagte Andreae. Im Sinne des Verbraucherschutzes ist es nur gerecht, dass Bestandskunden nicht für die Aktionen von Discountern bezahlen müssen.

Verbraucherschützer halten in diesem Fall die Einführung neuer Tarife für Neukunden für entscheidend. Udo Sieverding, Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, sagte am Mittwoch, dass Betroffene von Neuverträgen in der Grundversorgung teilweise ähnliche Bestandskunden zahlen, mehr als doppelt so viel. Diese Ungleichbehandlung ist rechtlich fragwürdig. „Dieses Vorgehen verstößt offensichtlich gegen unser Verständnis des freien Marktes und der Liberalisierung des Energiemarktes.“ Strafen für Kunden, die den Anbieter wechseln, werden heftig kritisiert. "Daher kann die Aufteilung der Grundversorgungstarife wegen extremer Energiepreissteigerungen nicht dauerhaft werden."

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) verteidigte die Einführung eigener Tarife für Neukunden. Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des VKU, sagte, der Plan der Stadtwerke sei besonders weitsichtig, um Kundenunsicherheiten und größere Preiserhöhungen zu vermeiden. Gleichzeitig übernahmen sie gestrandete Kunden in der Ersatzversorgung. „Durch differenzierte Tarife werden die negativen Auswirkungen auf Bestandskunden begrenzt.“ Hinsichtlich der Liefereinstellungen von Billiganbietern fordert der VKU „eine wirksamere Überwachung verdächtiger Anbieter von der Bundesnetzagentur“.

Die Einkaufsstrategie der Discounter besteht laut Sifferding darin, in kurzer Zeit Waren am Spotmarkt zu niedrigen Preisen einzukaufen. "Das Discounter-Modell funktioniert seit vielen Jahren gut, jetzt liegen sie reihenweise auf dem Boden", sagte der WAZ-Energieexperte (Donnerstag).



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